Herzlich willkommen!

In diesem Weblog zu meiner Homepage stelle ich meine "geistige Heimat" vor: Menschen, die mir als Vorbild, Lehrer und sprachliche Weg-Begleiter in meinen Leben wichtig geworden sind sowie grundlegende Gedanken aus ihren Schriften


Die Dichterin Hilde Domin habe ich persönlich getroffen, bevor ich ihr Werk kennenlernte. In meiner Heidelberger Zeit und in meiner Funktion als Bibliothekarin der Stadtbücherei Heidelberg, lernte ich Hilde Domin bei Veranstaltungen und als Kundin kennen. Ich habe sie als sehr speziell wahrgenommen. Erst etliche Jahre später, während meiner Ausbildung in Poesie-und Bibliotherapie am Fritz-Perls-Insitut in Hückeswagen, begegnete ich ihren Gedichten. Bei ihr fand ich die Worte für Vieles, was ich empfand, aber nicht auszudrücken vermochte. „Der Leser ist der Zwilling des Dichters“, so formulierte sie dieses Phänomen einmal.
Nachfolgend einige weitere Schätze aus meiner Hilde-Domin-Sammlung:

Hilde Domin über das Schreiben:
Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom Funktionieren. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. Für diesen Augenblick muss er bereit sein.
Schreiben – demnach auch Lesen – ist ein Training in Wahrhaftigkeit.
„Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt, sich selbst nicht belügen“ (Konfuzius). Diese Stimme aber hört man nicht, außer im Innehalten, in der ‚aktiven Pause’, denn es ist eine aktive Pause, keine leere, in der der Mensch, sobald er wirklich er selbst ist, zugleich aber auch am selbstvergessensten ist. Wollen und Funktionieren haben aufgehört.
Ein Augenblick der Katharsis, der Reinigung, der aber kein Augenblick des Handelns ist. Sondern nur eine Festigung des Menschen, der dann der Wirklichkeit anders gegenübertreten wird.

Um seine Erfahrung zu formulieren, dazu braucht der Schreibende dreierlei Mut.

1. Der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität.
2. Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein; das heißt, nichts weg- oder umzulügen, was ja opportun sein könnte.
3. Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben. Denn wenn er auch nicht für andere im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu’, so müßte er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, daß das Wort ein Du erreicht.

Worte
Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innre nach außen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloß
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis.

Lyrik: das Nichtwort ausgespannt zwischen Wort und Wort".

"Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug"
, dieses Zitat von Hilde Domin macht mir immer wieder Mut, meine Schritte zu gehen, immer nur den nächsten Schritt.
Als ich im Sommer 2006 ihr Grab in Heidelberg besuchte, begegnete ich diesem Satz in einer leicht veränderten Variante:
"Wir setzten den Fuß in die Luft, und sie trug", steht auf dem Grab geschrieben, in dem sie zusammen mit ihrem geliebten Mann ruht.

Die Zitate sind entnommen aus dem Büchlein:

Hilde Domin:
Das Gedicht als Augenblick von Freiheit.
Frankfurter Poetik-Vorlesungen. 1999.